Platzhalterbild

erstellt von Dirk Tröndle

  1. Ausgangslage/Handlungsbedarf:

Der Landkreis Nordsachsen ist nach dem Landkreis Bautzen mit ca. 2.026 Quadratkilometern der zweitgrößte Landkreis des Freistaats und hat eine Bevölkerung von etwa 200.000 Menschen. Damit ist Nordsachsen der Bevölkerungsschwächste Landkreis insgesamt und stellt etwa 5 Prozent der Gesamtbevölkerung Sachsens. Nach neuesten Zahlen des sächsischen Statistikamts und des sächsischen Flüchtlingsrates besitzen etwa 8-10 Prozent der Bevölkerung Nordsachsens einen Fluchthintergrund oder sind Migrant:innen. Die Haupt-Herkunftsländer sind dabei: Ukraine, Syrien, Afghanistan und Irak. Die meisten Menschen leben in größeren Städten wie Delitzsch, Eilenburg und Torgau aufgrund der besseren Infrastruktur. Diejenigen, die im Umland von Leipzig leben, partizipieren zudem stark an den migrantischen Infrastrukturen in Leipzig.

Nach neusten Zahlen von ZiViZ (Zivilgesellschaft und Zahlen) und der Freiwilligenagentur Leipzig spielt das zivilgesellschaftliche Engagement nach wie vor eine wichtige Rolle. Es gibt in Sachsen etwa 30.000 Vereine, wobei der Großteil in kleineren Gemeinden oder Kleinstädten ansässig ist. Die meisten Vereine haben weniger als 100 Mitglieder und konzentrieren sich auf die Bereiche Sport, Kultur, Bildung und Soziales. Ein bemerkenswerter Trend ist das zunehmende Engagement außerhalb klassischer Vereinsstrukturen, insbesondere bei jungen Menschen, die oft projekt- oder onlinebasiert arbeiten​, während das traditionelle, langfristige Ehrenamt langsam zurückgeht. Etwa 37% der Menschen in Sachsen engagieren sich ehrenamtlich. Im Landkreis Nordsachsen spiegelt sich dieser Trend wider. Es gibt zahlreiche lokale Vereine und Initiativen, doch auch hier wird von Problemen wie Überalterung und Nachwuchsmangel berichtet. Zudem ist die zivilgesellschaftliche Infrastruktur im ländlichen Raum oft weniger gut ausgebaut, was es kleineren Vereinen erschwert, neue Mitglieder zu gewinnen.

Vor dem Hintergrund dieser dargestellten Situation sind die Herausforderungen, Hemmnisse und Gelingensbedingungen der ehrenamtlichen Teilhabe von Migrant:innen in Nordsachsen von großem Interesse. Zum gleichnamigen Titel veranstaltete das Projekt Weltoffenes Nordsachsen (WONOS) am 25.09.2024 einen digitalen Fachaustausch, auf dem Betroffene, Multiplikator:innen der Zivilgesellschaft und migrantischer Interessenverbände, Vertreter:innen von Netzwerk- und Migrationsberatungsnetzwerken sowie Interessierte in den Austausch kamen. Im Folgenden werden die wichtigsten Hindernisse und Gelingensbedingungen beschrieben und Handlungsempfehlungen an Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft formuliert zum Ziel des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des friedlichen Zusammenlebens in Nordsachsen.

  • Hemmnisse und Gelingensbedingungen und Handlungsempfehlungen

Allgemein wurde von vielen Teilnehmenden die Feststellung gemacht, dass das Fehlen von oft grundsätzlichem und basalem Alltags- und Systemwissen gerade im ländlichen Raum ohne ausgeprägte Helferstrukturen für migrantisch gelesene Menschen eine sehr große Herausforderung bei der Gestaltung des Alltags darstellt. Dazu behindert eine deutliche geringere Mobilität in ländlichen Räumen die Menschen in der Suche nach Selbstwirksamkeit und führt oft in die Isolation. Hier hat das Ehrenamt jedoch das Potenzial aus der Isolation auszubrechen und kann zu einer höheren Selbstwirksamkeit der Menschen beitragen, weil über das Ehrenamt, wie z.B. der Bundesfreiwilligendienst (BFD) der Zugang zu Systemwissen geschaffen werden kann und Menschen in die Interaktion mit ihrer Umgebung kommen.

Nach aktuellen Zahlen des Ehrenamtssurvey engagieren sich 27-30 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund trotz vielfachen Hindernissen schon längst ehrenamtlich. Diese Leistung – so die zurecht vorgebrachte Kritik der Vertreter:innen migrantischer Verbände – müsste viel mehr in den Vordergrund gehoben werden. Menschen müssen sich das kostenlose Engagement und die ehrenamtliche Arbeit auch leisten können. Stark in der Kritik steht auch die Forderung von einigen

Lokalpolitikern und Landräten, die Geflüchtete zu ehrenamtlichen Tätigkeiten oder Gemeinschaftsarbeit verpflichten wollten. Ehrenamt lebt von der Freiwilligkeit und nicht dem Zwang und damit würde die Gemeinnützigkeit missbraucht und Migrant:innen zu billigen Arbeitskräften degradiert. Kontraproduktiv und ein grundsätzlicher Fehler, dass weiß gelesene Menschen bei Integrationsprojekten oft Preise erhielten, nicht jedoch Migrant:innen, die für ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet werden müssten.

Ein zentrales Problem in Nordsachsen ist der fehlende Organisationsgrad von Migrant:innen und Geflüchteten in migrantischen Selbsthilfeorganisationen (MSO). Derzeit hat mit einem Projekt-Büro von Romano Sumnal nur eine migrantisch gelesene Organisation in Torgau eine sichtbare Repräsentanz. Die Gruppe der Roma und Sinti lebt in Torgau zudem in prekären Verhältnissen, es bestehen Sprachbarrieren und andere Hürden. Neu-Zugewanderte haben meist wenig Kenntnisse der Strukturen und das Ehrenamt in dieser Form ist in vielen Herkunftsländern oft unbekannt.

Der Sport ist ein sehr gutes Bespiel, wie Integration gut funktionieren kann. Die Universalität der Sprache im Sport ist niederschwellig und viele Sportvereine in Nordsachsen haben längst mit geringeren Mitgliedsbeiträgen und aktiver Ansprache Migrant:innen und Geflüchtete in ihre Reihen aufgenommen. Besonders selbstwirksam und als Testimonial wirken Trainer:innen mit Fluchterfahrung und einige Sportvereine haben neue Branchen eröffnet für Sportarten wie z.B. Cricket, die von den Menschen mitgebracht werden und zeigen inwiefern Integration keine Einbahnstraße ist, sondern auch die Anpassung der Mehrheitsgesellschaft nach sich zieht. Auch bei den Freiwilligen Feuerwehren in Nordsachsen gibt es sehr gute Ansätze. Von allen Beteiligten geteilt wurde die wichtige Funktion von Ehrenamt für die Selbstwirksamkeitserfahrung und einen möglichen Einstieg in den Beruf.

Die folgenden Handlungsempfehlungen für Politik und Zivilgesellschaft sowie für Nordsachsen allgemein wurden in den Beiträgen und den anschließenden Arbeitsgruppen erarbeitet.

  • Handlungsempfehlungen
  • Anreize schaffen und größere Wertschätzung für ehrenamtliches Engagement von Migrant:innen, Beseitigung von Hürden bei den Ehrenamtspauschalen und mehr Angebote für BfD und anderer Freiwilligenarbeit. Jeder FSA oder andere Beratungsstelle könnte mit einer BUFDI Stelle ausgestattet werden.
  • Etablierung und Schaffung einer Kultur der Anerkennung und Wertschätzung, z.B. durch Etablierung eines nordsächsischen Ehrenamtspreises für Menschen mit Fluchthintergrund im Rahmen eines begleitenden Workshopprogramms.
  • Bekanntmachung des Ehrenamtes und ehrenamtlichen Engagements durch Ehrenamtsbörsen oder Ehrenamtstage für Geflüchtete und Migrant:innen.
  • Migrantische Selbstverwaltung in Form von Vereinen und die Etablierung von Integrationsbeiräten sollten aktiv von der Mehrheitsbevölkerung und der Lokalpolitik unterstützt werden. In einem ersten Schritt könnte jede Kommune eine/n Vertreter:in mit Migrationshintergrund im Stadtrat etablieren und benennen, die einen ersten Integrationsbeirat nordsachsenweit bilden werden, der ggf. mit dem AK Mensch und Migration zusammenarbeitet und tagt und dadurch in eine Zusammenarbeit hineinwachsen kann.
  • Mehrheitsbevölkerung sollte eine bessere Willkommenskultur etablieren und Wege der aktiven Kontaktaufnahme zu Menschen mit Fluchthintergrund suchen,
  • Interkulturelle Öffnung von Verwaltung und Bürokratie sollte umgesetzt werden und Mehrsprachigkeit im Amt etabliert werden.
  • Abbau von struktureller Diskriminierung und Abbau von bürokratischen Hürden (Angst vor Überprüfung des Aufenthaltsstatus) durch mehr runde Tische und dadurch kurze Wege einrichten.
  • Teilhabe von Menschen mit Fluchthintergrund und Migration im Sport als Vorbild nehmen und Maßnahmen und Best Practice übernehmen.
  • Etablierung regelmäßiger Austauschformate zwischen Vereinslandschaft und Geflüchteten. U.a. könnten Schulungen zur Vereinsgründung und -führung mit angeboten werden.
  • Schaffung von Orten der Begegnung (u.a. House of Resources oder Häuser der Begegnung und Unterstützung wie Begegnungsstätten in Bad Düben oder Zeittauschbörse in Taucha) und u. a. Etablierung von Anlaufstellen, an denen kontinuierlich Beratungsangebote, Engagementmöglichkeiten und Begegnungen gleichzeitig möglich sind.